Anja Kampmann "sein fliegen ...!"

"sein fliegen ..." Gedicht von Anja Kampmann
sein fliegen liegt nicht in der anatomie
zwischen federn und leichteren knochen
ahnst du einen punkt an dem die pappel
den himmel berührt was sind schwalben
einen sommertag lang auf dem hügel beg tal
der unruhige weizen wiesenblühn zwischen
den halmen dein sitz aus hörbarem wind
es ist tag ich behalte die nacht inne würde
nie mehr vergessen als jetzt wird es
einen tag geben an dem dieses rauschen
der bäume fehlte ach vogel der in seinem rad
rätsel geschrieben hat vom land genommen
unerkannt liegt es vor dir flächen noch ein paar
pflanzen und ich als grenze träume
dass ich die wiesen nicht mehr
  unterscheiden kann. (2015)

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Sylvia Geist „Auf dem Heimweg“ und „Kleine Komparation für Gras"

 

Auf dem Heimweg

Zehn Minuten von zuhause entfernt
geraten wir in eine andere Welt. Dort
steht Bobrowski auf der Leiter, hämmert
am Dach seiner Nebelhütte und schüttelt
den Kopf über unsere Frage nach dem Weg
vor unseren Füßen. Auf den nixengrünen
Hügeln liegt ein Nachmittag, der schon
gestorben ist, in seinem Glück vielleicht.

Auch wenn es sie gäbe, Paralleluniversen
bedeuten, du kannst denselben Abzweig
nicht noch einmal verfehlen. Dieses Mal
weiß auch Bobrowski nicht weiter, wohnt
gar nicht hier, und wir müssen es sein,
die in kalten Fingern ein armes löchriges
Firmament aus glitzernder Pappe halten,
du an dem einen, ich am anderen Giebel.

Licht sickert aus dem Garten durch einen,
wo zwei mit ihren Schatten gehen und reden,
in einen dritten ohne Schatten, und was
sie sagen könnten, steht als Rauch aus
ihren Mündern überm Schnee. Der Alte
spuckt Nägel, nickt über den First: Da lang
könnt ihr verschwinden, und wir, Figuren,
die der Held einer Komödie erzählt, folgen.

Kleine Komparation für Gras

Ich liebe den Essigbaum, der unter falschem Namen lebt,
den Trughirsch ohne Tränengruben und Besinnung.

Gras liebe ich tief genug für seinen Karpfen, im Maul
des Teichs die Weide, die liedlosen Pfauenaugen

Tag und Nacht. Die Zusammenhänge, die vor meinen
ein Wäldchen um sich schließt, habe ich zu lieben

beschlossen, den Feuerleiter, das mächtige Gras,
betaubt und alle seine Komparsen wie jedermann

einzeln und unvergleichlich. Zu sagen, ich liebte
niemand mehr, liebe ich mehr wie den ohnmächtigen Hirsch.

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Rike Scheffler "HONEY I'M HOME"

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Rike Scheffler "angenommen aber"

ANGENOMMEN ABER

angenommen aber, man bastelt am großen abmalen,
am auslassen der farben am see. unruhig stellen sich fragen,
leinwände fallen auf gegenstände, am ufer stemmen sie sich
in den sand. man meint zu erwägen, schatten hätten mehr gewicht.
und wäre das nichts: man ist eine frau, man weiß, von vordächern
kann es genauso kalt schütten wie aus freien himmeln, salz,
?üssig gerieben, und nachtisch sind im gepäck:
eine decke, eine angel, ein ganzer arm sachen,
die einen hoffnungslos glücklich machen.

offensichtlich sich wehren dagegen, anstand haben,
abstand: man geht angeln. armselig dörrt am ufer der fang.
feuer verglimmt. abends nachgeben, schwimmen.
stilles wasser schlucken, alleine nicht lang,
ein gekrümmtes bündel im schlafsack, beim see.
über nacht sich im schweigen üben, bemüht, die silben
nicht zu beschmutzen, spucke zu nutzen für ärgeren unfug:
?sch und hän?ing einander vorstellen. träge biegt sich das schilf.
unter obhut stromern am sonntag touristen, handtücher,
alles nach maß. man kennt das, hat selbst schon briefe geschrieben
mit kaltem bleistift, für die, die man liebt, und man wünschte,
die silberne linie würde nicht stimmen, binnen sekunden anders fallen,
an der brust angefangen, nicht richtung kopf zielen,
die spitze der mine, schwer schätzbar, wie tief.

dinge geschehen, wie wahr, wenn man sie lässt. planung
oder fügung, man steht am wannsee und winkt der geschichte.
entschärft seine sprache, reibt sich an ihr auf.
man haftet an wurzeln, hadert beim abmalen,
geht abermals angeln, festhalten am anstand, ritual.
es rudert sich leichter zurück, stimmt einem der abwind,
man gibt sich diesem abwind, ohne ihm zu vertrauen.

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Katharina Schultens "SUSSURUS"

susurrus

ich habe das verklärt was du nicht bist
rauschen: du bist ein anderes geräusch

du bist ein unerkannter susurrus
du blendest für mich alles andre aus

sprichst du über den bienenschwarm hinaus
so summt darin mein denken (bienenhaus)

ich kann dir sagen was die bienen sehen
ich kann notieren welche zeichen
der schwarm verwendet hat

dein bienengeist: er dunkelt unter licht
verlässt du weiterhin den stock nicht
muss ich erinnern was du weißt

ich sammle dir ereignisse
sobald ich sie verwandelt habe
bringst du das zuckerwasser: tausch

du füllst den imkeranzug susurr
du hast den schleier nie verloren
du bist hier eigentlich die braut

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Katharina Schultens "PRISM"

prism

ich kann sehen wann du mich liest. ich kann dich nicht sehen.
wenn ich dich sehe zittert das bild. das bild gehört mir solange
ich hinsehen kann. kann ich nicht hinsehen dann ist es deines.

wenn du mich liest was siehst du. hast du mich gezählt.
hast du einen algorithmus für schafe. hast du evtl. verschiedene.
bin ich teil deiner unverstandenen herde. bin ich teil der suchhistorie.

wenn du mich suchst wo suchst du. suchst du mich im feld oder online.
suchst du mich treppab suchst du mich in meiner statusmeldung. weißt du
wie mein filter funktioniert. weißt du welche standardeinstellung ich wählte.

du kannst mich doch gar nicht. du kennst meine sprache nicht großer hirte.
du brauchst ein übersetzungsprogramm für meine anspielungen. ich setze dich
mit sarkasmus außer gefecht. ich liebe dich. ich liebe dich als konglomerat denn
du bist die summe meiner absichten die ins gute ende führen meine rettung

durch simulation. du sortierst alle wünsche und du hast meinen tod
mindestens 0,2-mal verhindert einmal davon war ich verdächtig
der unbeteiligtheit. bitte lenke mein licht. bitte lass mich dich
kennenlernen. dein wille geschehe. dimitte debita nostra
(nobis!) wenn ich niemandem das geringste vergebe

so lass mich dennoch nicht allein

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